Marlies Ubben — Die letzten Gläser aus Ditzum
Ihr Mann fuhr vierundvierzig Jahre zur See. Nach seinem Tod hat eine Glaskünstlerin aus Ditzum noch 287 Gläser von Hand gefertigt — dann macht sie den Brenner für immer aus Siebenundvierzig Jahre stand Marlies Ubben am Brenner, in einem alten Netzschuppen am Ditzumer Sielhafen. Eine Arthrose in beiden Daumen hat dem ein Ende gesetzt. Wir haben sie an der ostfriesischen Küste besucht und uns angesehen, was von diesen siebenundvierzig Jahren übrig ist.
Der Schuppen steht fünfzehn Meter vom Wasser entfernt, rote Klinkerwand, knapp dreißig Quadratmeter. Vierzig Jahre lang lagen hier Netze und Kisten, bevor Marlies Ubben einen Glasbrenner hineinstellte. An der Rückwand stapeln sich in diesem Monat 287 dunkelblaue Schachteln. In jeder liegt ein einzelnes Trinkglas mit einem Meerestier darin, von Hand gearbeitet. Ist die letzte Schachtel aus der Tür, holt der Lieferant die Gasflaschen ab und der Schuppen wird leergeräumt.
Marlies ist einundsiebzig. Sie arbeitet seit 1979 an diesem Brenner.
Ihr Mann Onno fuhr vierundvierzig Jahre zur See. Angefangen 1970 mit sechzehn als Schiffsjunge, zuletzt als Kapitän auf den Stückgutfrachtern einer kleinen Reederei in Leer. Er starb im März vergangenen Jahres, nach elf Monaten Krankheit, in einem Haus zweihundert Meter die Straße hoch. Marlies hat die Schuppentür danach vier Monate lang nicht mehr aufgemacht.
Was sie danach gemacht hat, hat uns nach Ditzum gebracht. Neunundvierzig Jahre lang führten sie und Onno eine Liste: die Meerestiere, die sie zusammen gesehen haben, von der Biskaya bis nach Sulawesi. Für diese Liste galt eine strenge Regel. Am Ende standen acht Tiere darauf. Zwischen Juli vergangenen Jahres und diesem Sommer hat Marlies jedes einzelne davon in Glas gearbeitet. 287 Stück, allein.
Ein Handchirurg in Oldenburg hat ihr inzwischen gesagt, dass es keine zweite Serie geben wird. Auch keine kleinere, auch keine langsamere. Was im Regal steht, ist alles. Danach bleibt der Brenner kalt.
Alle acht Tiere sind erhältlich, solange die letzten Stücke reichen.
EINES VON MARLIES’ LETZTEN 287 GLÄSERN SICHERNElf Reisen in neunundvierzig Jahren: Warum am Ende nur acht Tiere auf der Liste standen
Kennengelernt haben sie sich im Sommer 1976 in Norddeich. Marlies war einundzwanzig und stand in einem Souvenirladen an der Mole hinter der Kasse. Onno, zweiundzwanzig, war zwischen zwei Reisen zu Hause, kam bei Regen durchnässt herein und kaufte das Billigste, was im Regal lag: ein kleines Glas-Seepferdchen für vierzig Pfennig.
Sie hat es noch. Der Schwanz ist abgestoßen.
Das Glas lag in der Familie. Ihr Vater, Reinhold Greiner, war Glasbläser aus Lauscha im Thüringer Wald, 1949 in den Westen gegangen, nach Neustadt bei Coburg, wohin es nach dem Krieg viele Lauschaer verschlagen hat. Dort machte er Glasaugen — für Präparatoren und für Puppenfabriken. Marlies saß als Kind neben ihm und durfte die Reste einschmelzen. Mit vierzehn setzte sie ihren ersten Ring.
1979 stand der alte Netzschuppen am Sielhafen leer. Onno kaufte ihn während eines Landurlaubs, damit sie einen Platz für ihren eigenen Brenner hatte. Die Werkbank hat er selbst gezimmert, die Leitung für die zweite Gasflasche selbst gelegt. Im Herbst desselben Jahres zündete sie den Brenner an. Seitdem ist sie nicht mehr davon losgekommen — bis auf vier Monate im vergangenen Jahr.
Von da an lief ihr Leben in Etappen. Onno drei, vier Monate weg, dann sechs Wochen zu Hause, dann wieder weg. Sein längstes Schiff war die Gode Tied, ein Stückgutfrachter der Fernost-Linie, elf Jahre lang. Marlies blieb im Schuppen. Man muss wissen, was das in Ditzum heißt: Vor der Werkstatt liegt die Ems, und die Ems ist die Fahrrinne nach Leer und Papenburg. Wer hier am Deich steht, sieht jedes Schiff, das rein- oder rausfährt. Marlies wusste deshalb meist Stunden vorher, wann er zu Hause sein würde. Dann schob sie die Brille hoch und ging raus auf den Deich. Sie sagt, sie habe nie mitgezählt, wie viele Tage er fort war. Sie habe stattdessen gezählt, wie viele Reisen sie mitgefahren ist.
Es waren elf. Die Reederei in Leer war klein und familiengeführt, dort war es normal, dass Frauen mitfuhren. Elf Reisen in achtunddreißig Jahren, jede drei bis vier Monate lang. Auf diesen elf Reisen entstand die Liste, und für die Liste galt eine Regel: Ein Tier zählte nur, wenn beide es sahen, und nur, wenn sie es gemeinsam sahen. Alles, was Onno in vierundvierzig Jahren allein gesehen hat, kam nicht darauf. 1986 weigerte er sich, eine Gruppe Grindwale in der Biskaya gelten zu lassen, weil Marlies in der Kammer lag und schlief. Sie hat ihn dafür zwei Tage nicht angesprochen.
„Er war vierundvierzig Jahre auf See und hat Hunderte gesehen. Acht davon zählen. Nur die acht, bei denen ich danebenstand.“
In einem Laden stand ihre Arbeit nie, in einem Katalog auch nicht. Verkauft wurden immer nur ein paar Stück auf einmal, direkt aus dem Schuppen, an Leute aus dem Ort und an Feriengäste, die zufällig davon hörten. Wer aber einmal eines hatte, kam wieder. Familien in Emden und Leer kaufen seit Anfang der Neunziger alle paar Jahre ein Glas bei ihr. Ein paar davon haben ihr nach Onnos Tod geschrieben.
Als Onno starb, hat sie das Gas abgedreht und die Tür hinter sich zugezogen
Onno war elf Monate krank. Er starb im März vergangenen Jahres zu Hause. Marlies ging in der Woche danach einmal in den Schuppen, um das Gas ordentlich abzustellen. Danach nicht mehr.
Sie sagt ganz direkt, warum. So sind die Leute an dieser Küste.
„Da drin war nichts, was nicht auch seins war“, hat sie uns gesagt. „Die Bank hat er gebaut. Die Gasleitung hat er gelegt. Ich konnte da nicht hingehen und mich reinstellen.“
Die Schiffe fuhren weiter. Daran ändert ein Todesfall nichts — Ditzum liegt an der Fahrrinne, alle paar Tage zieht ein Frachter vorbei. Marlies hat vier Monate in einem Haus gesessen, an dem die Ems entlangläuft, und kein einziges dieser Schiffe war seines.
Zurück in den Schuppen gebracht hat sie am Ende ein Zettel. In der Woche nach der Beerdigung schrieb sie die acht Tiere auf die Rückseite eines Ladescheins von seiner letzten Fahrt und klemmte ihn unter einen Kühlschrankmagneten in Form eines Leuchtturms. Ohne Plan, was daraus werden sollte. Vier Monate lang hat sie ihn jeden Morgen angesehen.
In der zweiten Juliwoche ging sie zum Schuppen hinunter, drehte das Gas wieder auf und zündete den Brenner.
Als Erstes nahm sie sich den Oktopus vor. Elfmal hat sie ihn gearbeitet, bevor sie einen behalten wollte.
Danach arbeitete sie fast täglich. Nicht schnell. Glas lässt sich nicht hetzen. Aber stetig, ein Tier nach dem anderen, rückwärts durch die Liste bis ins Jahr 1976. Das letzte hat sie in diesem Sommer fertiggestellt.
Acht Erinnerungen aus allen Weltmeeren, in flüssiges Glas gesetzt
Jedes Glas ist eine Erinnerung mit einem Datum. Das ist kein Werbesatz, sondern das Bauprinzip dieser Serie. Zu jedem einzelnen Tier nennt Marlies das Jahr, das Meer und den Hafen — ohne zu überlegen.
1976 · Norddeich
Das Seepferdchen
Das Glas-Seepferdchen für vierzig Pfennig, das er ihr am Tag ihres Kennenlernens aus dem Regal des Ladens kaufte, in dem sie arbeitete. Es ist das einzige auf der Liste, das sie nicht im Wasser gesehen haben. Onno hat bis zuletzt darauf bestanden, dass es trotzdem zählt.
1977 · Las Palmas
Die Krabbe
Ihre erste gemeinsame Reise. Am Fischkai von Las Palmas hob ein Händler eine lebende Krabbe aus der Kiste und hielt sie ihr entgegen, beide Scheren oben, so groß wie ein Suppenteller. Sie schrie. Er hat die nächsten vierzig Jahre davon erzählt.
1983 · Golf von Biskaya
Der Wal
Ein Finnwal lief zwei Stunden längsseits mit, keine dreißig Meter vom Rumpf. Beim Blas wehte der Wind ihnen den Atem aufs Deck. Marlies’ Beschreibung dieses Geruchs: „nach Fisch und nassem Eisen, und es war jede Sekunde wert.“ Die Biskaya ist bis heute eines der besten Walgebiete Europas.
1988 · Rotes Meer
Der Delfin
Bei Sonnenaufgang nahmen Spinnerdelfine die Bugwelle auf und liefen über eine Stunde mit, immer wieder springend und sich in der Luft drehend. Onno hat seine Wache verlängert, um dabeizubleiben. Der Erste Offizier hat sich nicht beschwert.
1993 · Malakkastraße
Die Qualle
Nachts vor Anker. Im Licht der Decksscheinwerfer trieben Tausende Ohrenquallen am Rumpf vorbei, stundenlang, wie ein einziger Strom. Sie haben bis zwei Uhr morgens an der Reling gestanden, ohne dass einer von beiden etwas sagte.
1998 · Vor den Azoren
Der Riesenhai
Flaute, das Wasser spiegelglatt. Gut acht Meter lang, längsseits, das Maul weit offen. Harmlos, er filtert Plankton, und trotzdem riesig. Onno, damals achtundzwanzig Jahre auf See, hat sich hingesetzt. Marlies blieb an der Reling stehen.
2003 · Vor Sri Lanka
Die Meeresschildkröte
Landgang, sie schnorchelten in einer flachen Bucht. Eine Grüne Meeresschildkröte kam unter ihnen durch, ein Rest Geisternetz um die Vorderflosse gewickelt. Onno tauchte hinunter und schnitt sie mit dem Taschenmesser frei. Drei Anläufe hat er gebraucht. Sie ist nicht sofort weggeschwommen. Es ist das einzige Datum, das Marlies je auf eine Schachtel geschrieben hat.
2014 · Sulawesi
Der Blauring-Oktopus
Seine allerletzte Fahrt, wenige Wochen nach seinem sechzigsten Geburtstag. Marlies flog zum Abschied hinterher und war die letzten zehn Tage an Bord. Beim Schnorcheln in der Nacht setzte der Guide seine Lampe auf einen Stein, einen Meter unter ihnen. Ein kleiner brauner Oktopus, kaum größer als ein Golfball, sah das Licht und ließ sämtliche Ringe auf einmal aufleuchten. Vierundvierzig Jahre auf allen Meeren, und so etwas hatte Onno nie gesehen. Er hat elf Jahre lang davon geredet und die Beschreibung kein einziges Mal richtig hinbekommen.
Jedes Glas entsteht auf dieselbe Weise, und schnell geht davon nichts. Marlies erhitzt klares Borosilikat auf einem Stab und formt am Brenner ein Glas daraus. Sie dreht es dabei ununterbrochen. Hört sie auf zu drehen, zieht die Schwerkraft die Form aus dem Glas. Das Tier entsteht getrennt und wird dann auf die Wand des Glases gelegt, solange beides noch weich genug ist. Beides verschmilzt zu einem einzigen Stück, statt aneinandergeklebt zu werden.
Danach kommen die Details. Die Ringe des Oktopus setzt sie einzeln, mit einem feinen Stab. Jeder ist kleiner als ein Reiskorn. Es sind fünfzig bis siebzig pro Glas. Die kleinen klaren Perlen an der Unterseite jedes Arms werden ebenfalls einzeln gesetzt. Das Auge ist eine Perle aus dunklem Glas, unter die Oberfläche versenkt, damit sie das Licht fängt und sich zu bewegen scheint, wenn man das Glas in der Hand dreht.
Dann geht es über Nacht in den Kühlofen und kühlt langsam herunter. Glas, das schnell abkühlt, reißt früher oder später. Am Morgen sieht sie es sich bei Tageslicht an und entscheidet, ob es in eine Schachtel kommt oder zurück in die Bruchkiste.
An keiner Stelle ist eine Form im Spiel. Deshalb liegen keine zwei Armkrümmungen gleich, und deshalb haben 287 Stück vierzehn Monate gedauert.
„Sie brauchen eine Hand, die steht“
Als Erstes ging nicht die Kraft. Marlies kann immer noch Glas aufnehmen und sie kann immer noch einen Stab drehen. Was sie nicht mehr kann, ist ein Werkzeug lange genug ruhig halten, um bei elfhundert Grad einen Ring von der Größe eines Reiskorns auf ein drehendes Glas zu setzen.
Aufgefallen ist es ihr im Frühjahr, an einem Oktopus-Glas, als ein Ring schief herauskam, den sie zehntausendmal gesetzt hatte. Sie legte das Stück in die Bruchkiste und fing ein neues an. Eine Woche später passierte es wieder.
Im Mai hat ein Handchirurg in Oldenburg der Sache einen Namen gegeben: Rhizarthrose in beiden Daumensattelgelenken, dazu ein Tremor. Er war höflich, und er war eindeutig. Wer jeden Tag weiter am Brenner arbeitet, sagte er, riskiert einen Schaden, der bleibt. Nicht nur an der Arbeit. An der Hand selbst.
„Glas aufnehmen kann ich noch. Ruhig halten nicht. Das sind zwei völlig verschiedene Arbeiten, und ich habe immer nur die zweite gebraucht.“
Sie hat lange genug weitergemacht, um die Serie fertig zu bekommen. Dann hat sie aufgehört, die Werkbank abgeräumt und die Regale mit einem Bleistift durchgezählt.
287 fertige Stücke, verteilt auf die acht Tiere, aber nicht gleichmäßig. Vierundfünfzig Oktopusse, weil sie immer wieder zu dem einen zurückkam. Neunzehn Seepferdchen, weil das kleinteilige, langsame Arbeit ist — und weil sie es bis zuletzt aufgeschoben hat, als die Hände schon nachließen.
Wenn die weg sind, ist Schluss. Keine Nachfolgerin, keine zweite Serie, keine Absprache mit irgendwem. Marlies macht darum kein Aufhebens. Siebenundvierzig Jahre, sagt sie, seien eine lange Zeit, um das tun zu dürfen, was man tun wollte. Über das Ende werde sie sich nicht beschweren.
287 Stück sind es gewesen. Die Zahl kann nur noch kleiner werden.
EINES VON MARLIES’ LETZTEN 287 GLÄSERN SICHERN287 letzte Gläser: direkt aus dem Schuppen, ohne Galerie und ohne Zwischenhändler
Im Juli hat ihr eine Galerie in Kampen auf Sylt ein einfaches Angebot gemacht. Die Galerie würde den kompletten Restbestand übernehmen und die Gläser für fünfundneunzig Euro das Stück verkaufen. Handgemachtes Kunstglas von der ostfriesischen Küste, letzte Auflage, Werkstatt schließt. Es hätte funktioniert. Eine Zahlung, alles auf einmal, und sie hätte nie wieder darüber nachdenken müssen.
Sie hat abgelehnt.
„Für fünfundneunzig Euro landen die in einer Vitrine“, sagt sie. „Jemand kauft es, stellt es hinter Glas und guckt es an. Ich habe nicht vierzehn Monate daran gearbeitet, damit jemand es angucken kann.“
Stattdessen verkauft sie die Gläser selbst, für vierunddreißig Euro. Etwa ein Drittel des Galeriepreises und deutlich weniger, als die Arbeit wert ist. Das ist eine Entscheidung, kein Rabatt. Sie will, dass jemand an einem ganz normalen Dienstag Sprudelwasser hineinkippt und am Mittwoch wieder nach demselben Glas greift.
Onno habe von jeder Fahrt Kisten mitgebracht und alles im Ort verteilt, sagt sie. Verkauft habe er davon nie etwas. Damit ist die Sache für sie erledigt.
Was Käufer aus drei Jahrzehnten über ihre Gläser sagen
Verifizierte Käuferin · Blauring-Oktopus
Es kam in der dunkelblauen Schachtel mit dem goldenen Oktopus auf dem Deckel, und ich stand damit eine ganze Minute vor der Haustür, bevor ich reingegangen bin. Ich habe im Lauf der Jahre viel maritime Deko gekauft. Das ist das erste Stück, bei dem das Tier wirklich Teil des Glases ist und nicht draufgeklebt. Mein Mann trinkt seitdem jeden Abend sein Wasser daraus.
Bärbel Ostermann, Münster
Verifizierter Käufer · Meeresschildkröte
Ich habe die Schildkröte wegen der Geschichte mit dem Geisternetz bestellt. Sie steht bei uns auf der Küchenfensterbank, und nachmittags fällt das Licht so durch den Panzer, dass ein grüner Schatten über die Arbeitsplatte läuft. Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Das ist das Beste daran.
Hans-Jürgen Krall, Wilhelmshaven
Verifizierte Käuferin · Wal und Krabbe
Zwei Stück zur goldenen Hochzeit meiner Eltern gekauft. Meine Mutter hat mich weinend angerufen, und das tut sie sonst nicht. Sie sagte, das sei das erste Geschenk seit Jahren gewesen, bei dem man merkt, dass ein Mensch es gemacht hat und keine Firma.
Sabine Reinhold, Kassel
Was diese Gläser von allem unterscheidet, was bisher in Ihrem Schrank stand
Das meiste, was in Deutschland als maritimes Glas verkauft wird, ist ein bedruckter Aufkleber auf einem billigen Becher. Er trägt nicht auf, wirft also keinen Schatten und bricht kein Licht. Nach einer Saison in der Spülmaschine fängt er an, sich an der Kante zu lösen. Was Marlies macht, ist etwas völlig anderes. Fünf Dinge machen den Unterschied.
- Handgearbeitetes, bleifreies Borosilikatglas. Dasselbe Glas, das in Laboren verwendet wird. Es verträgt Temperaturunterschiede etwa dreimal so gut wie billiges Souvenirglas. Eiswasser in ein warmes Glas, heißer Tee in ein kaltes — es passiert nichts.
- Ein von Hand geformtes Meerestier, mit dem Glas verschmolzen. Nicht bedruckt, nicht geklebt, nicht in eine Form gepresst. Das Tier ist ein zweites Stück heißes Glas, das auf die Wand des Bechers gelegt wird, solange beides noch weich ist. Beides schmilzt zu einem einzigen Stück zusammen. Es gibt keine Fuge — und damit nichts, was später aufgehen kann.
- Auf täglichen Gebrauch ausgelegt, nicht auf die Vitrine. 350 Milliliter, rund zehn Zentimeter hoch, ohne Stiel und mit Absicht schwer im Boden. Das Tier sitzt tief, deshalb landet die Hand von allein dort, und das erhabene Glas gibt den Fingern Halt. Entworfen für einen Mann, der mit kalten Händen von einer Nachtwache an Deck kam.
- Dunkelblaue Geschenkschachtel mit Einlage und nummerierter Karte. Jedes Stück wird in der Schachtel verschickt, die Nummer steht handschriftlich auf der Karte. Nichts geht lose raus.
- Nummeriert von 1 bis 287, ohne zweite Serie. Acht Tiere, 287 Stück, eine einzige Werkstatt und ein Brenner, der ausgeht. Es wird niemand mehr davon machen. Auch Marlies nicht.
Tiere auf der Liste, eines für jedes, das sie gemeinsam gesehen haben
Stücke, fertiggestellt in vierzehn Monaten
Jahre an demselben Brenner, in demselben Schuppen
Gussformen — an keiner Stelle
Stielloses Glas, 350 Milliliter, bleifreies Borosilikat, mit einem von Hand geformten Meerestier im Inneren verschmolzen. Versand in dunkelblauer Schachtel mit Einlage und nummerierter Karte. Spülmaschinenfest im Oberkorb — Marlies wäre es allerdings lieber, Sie spülen von Hand.
Vierunddreißig Euro direkt, statt der fünfundneunzig, die die Galerie wollte.
EINES VON MARLIES’ LETZTEN 287 GLÄSERN SICHERNSo sichern Sie sich eines der letzten 287 Gläser, bevor sie weg sind
Die Stücke gibt es nur hier, direkt aus dem Schuppen. Nicht im Laden, nicht bei Amazon und auf keinem Marktplatz — die Galerie auf Sylt war das eine Großhandelsangebot, und Marlies hat es abgelehnt. Wer diese Gläser irgendwo für fünfundneunzig Euro findet, hat sie nicht von ihr.
Suchen Sie sich Ihr Tier aus. 287 Stück sind es insgesamt, ungleich verteilt auf die acht: vierundfünfzig Oktopusse am oberen Ende, neunzehn Seepferdchen am unteren. Ist ein Tier ausverkauft, verschwindet es von der Seite — weil sich schlicht keine mehr nachmachen lassen.
Für jedes Stück gelten dreißig Tage ab Lieferung. Wenn es nicht passt, genügt eine E-Mail, und es geht zurück. Ohne Gebühr und ohne Begründung. Marlies hat lieber ein Glas zurück im Regal, das jemand anders haben will, als eines, das im Schrank steht, weil sich jemand nicht zu fragen traute.
Dreißig Tage, und eine Bedingung
„Benutzen Sie es. Das ist alles, worum ich bitte. Wenn es nie aus der Schachtel kommt, wissen Sie nie, ob Sie es wirklich wollten.“
Verifizierter Käufer · Oktopus und Riesenhai
Ich sammle Kunstglas, deshalb sage ich es direkt: Für diesen Preis bekommt sie nicht annähernd das, was die Arbeit wert ist. Das Tier ist aufgelegt, nicht aus einer Form gepresst. Man spürt den Grat, wo das heiße Glas aufgesetzt wurde. Ich habe den Oktopus gekauft und bin eine Woche später wegen des Riesenhais zurückgegangen.
Dieter Marquardt, Freiburg
Verifizierte Käuferin · Delfin
Ich bin vierundsiebzig und habe Arthrose in der rechten Hand, deshalb passe ich genau auf, was ich in die Hand nehme. Das Glas sitzt tief und breit, und die erhabene Figur gibt den Fingern etwas zum Festhalten. Aus der Hand gerutscht ist es mir kein einziges Mal. Von meinen Weingläsern kann ich das nicht behaupten.
Ingrid Nowak, Rostock
Verifizierte Käuferin · Qualle
Die Qualle. Mehr sage ich dazu nicht. Halten Sie sie gegen eine Lampe. Danach reden wir weiter.
Kerstin Lauterbach, Leipzig
Wenn der Schuppen leer ist, ist es zu Ende.
EINES VON MARLIES’ LETZTEN 287 GLÄSERN SICHERN